Vice Versa Versailles. First of two anthologies
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Vice Versa Versailles (Brussel: Peter Lang, 2026, EUR 44,95)
Preface
Triggered by the appearance of major parallels between the hitherto unique history of 'Versailles', i.e. the first post-war period, and the post-Soviet continuum of anti-Russian and, again, anti-(continental)European policies, Peter de Bourgraaf founded Forum2019 in Amsterdam. Before the West's military moves in defiance of a weakened Russia's legitimate security interests, the original parallel was drawn between Weimar Germany and 'Weimar/Russia'. In the foundational year of 1999, successive moves in defiance of learned lessons from the world war era could be observed in full colours. A few months before the take-off of the United States-led Atlantic Alliance's expansion into the East, which was seen as a reproduction of the logics of the Cold War in the eyes of the other, it went to war against Serbia, Moscow's designated ally, most notably without a United Nations mandate. Combining history and memory, two decades ahead of the First World War anniversaries (2014–2019), the name of the Dutchman's self-supported peace research and security policy initiative spoke volumes.
Some fifteen years after its early-digital-age termination, the all-American party on 28 June 2019 in Paris and Versailles revealed that the Europeans collectively failed to follow up on the inclusive Armistice commemoration in the French capital (November 2018). De Bourgraaf was flabbergasted. On this concluding day of the five-year anniversaries, Versailles was supposed to be the lieu de mémoire. This experience of Europe's ignorance and historical amnesia culminated in the foundation of Aufa100. Symbolism from the cultural history helps to explain her mission. Both for historians and mnemonic actors, the time has come for a Felix Mendelssohn moment. This Prussian composer's rediscovery, two centuries ago, of Johann Bach's Matthew Passion, after more than a hundred years – what's in a name – of silence, is known for giving many thousands of people around the world solace at Easter.
With this Transnational Commission for Reappraisal and Commemorative Culture from 1914, Weimar's exemplary events and developments are being approached through the overarching prism of Versailles and thus made accessible to a global audience. Her first anniversary was accentuated with this bilingual anthology. In their original format online, each of the once again elaborated 26 blogposts and essays marked a centenary event or development from the, at least from the perspective of the comprehensively dictated states such as Turkey and Germany, mesmerising years between 1921 and 1925. This 2021‒2025 kaleidoscope, including an interview as well as a few book reviews, is either preceded and completed by a leading article. In 'Vice Versa Versailles', the introduction that may be regarded as an English-language follow-up on the 2020 founding manifesto in German, Great Britain's entangled colonisation of the Paris conference during the 1918 Armistice's second prolongation, as well as possibly suppressed reception in historiography and memory culture since 1945, is focused on. The coup would end up in Weimar Germany's total decolonisation as well as deprivation of sovereignty. Given the ongoing controversy over the end of the First World War as well as the appropriate thesis on the second thirty-years' war (1914–1945), we continue to aspire living up to all aspects of historical critique, last but not least the linguistic one in alignment with Johann Wolfgang von Goethe's principle, 'Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.'
In the leading article at the end, the director's Forum2019 backstory shines through after almost thirty years of personal engagement in the Weimar/Russia debate. The slightly younger antithesis of this historical-comparative approach, whose name can no longer be applied to the new realities as of 2014, will keep challenging generations of scholars. More often than not, the reader will be asked to bridge the gap between history and politics.
Several Aufa100 members rely on a postgraduate degree in security policy. Without the methodology of an interdisciplinary approach, it seems hardly conceivable to apprehend the connectivity of contemporary developments in the realm of war and peace between Vancouver and Vladivostok. Right in the middle lie the more than decade-old, formerly eastern and western front incorporating battle grounds in Ukraine.
Einleitung
Der Titel dieses zweisprachigen Sammelbandes weist auf weitreichende Divergenzen zwischen den Vorkommnissen am Ende des Ersten Weltkrieges und der mehr als hundertjährigen Historiographie hin. Im akademischen Raum haben die einseitig eingeleiteten Ereignisse und Entwicklungen am Pariser Konferenzort während des letztendlich siebenmonatigen Waffenstillstandes von 1918–1919 bis vor kurzem kaum untersuchte Beachtung gefunden. Besonders zum kurzerhand geänderten Rahmen der Friedenskonferenz herrschte eine lautstarke Amnesie vor. Jüngst veröffentlichte Studien im angloamerikanischen Bereich (Thomas Gidney; Scott Malcomson) offenbaren endlich die umwerfenden Konsequenzen davon, dass die Folge der vereinbarten Tagesordnung unter Druck einer britischen Doppeldelegation mit langfristig verheerenden Folgen durcheinandergebracht wurde. Die Teilnehmerzahl der britischen Entente-Führer verdoppelte durch die überraschende Einführung der British Imperial Delegation (Britische Reichsdelegation), welche unter der Führung von David Lloyd George' südafrikanischem Schützling Jan Christiaan Smuts einen überproportionalen Einfluss nahm. Während Proteste Woodrow Wilsons, der US-amerikanischen Galionsfigur des Publikums beider Seiten, sowie der französischen Gastgeber alsbald verhallten, wurde – neben dem vereinbarten Punkt zur Gründung einer internationalen Organisation – unter deren Druck der fünfte Punkt des Waffenstillstandsprogramms, d.h. die Kolonialfrage, schlagartig priorisiert. Das gibt auch jetzt noch zu denken. Beschwerlich wäre gewesen, dass die Emporkömmlinge britischer Kolonien zu Europas hauseigenen Gesprächsthemen wie den Reparationszahlungen oder Verfügungen über Westpreußen oder Deutschlands U-Boote mitgemischt hätten. In der Folge verschob sich die Behandlung dieser Themen auf ganze zwei Monate. Aus der zweiten Delegation unter dem Union Jack ging der Impuls hervor, letztendlich nicht nur zum designierten Schaden Deutschlands, sondern auch zum nachhaltigen Schaden von Wilsons Novum, dem League of Nations, beide Punkte der britisch-subimperialistisch geprägten Tagesordnung miteinander zu verknüpfen. Zudem dürfte eine jahrhundertelang geknechtete Partei daran Schaden genommen haben. An das Problem der schwierigen Quellenlage zu den kolonisierten Völkern wagten sich neunzig bis hundert Jahre später einige mit Empirie und vor dem Hintergrund eines asiatisch-afrikanischen Ausgleichens des eurozentrischen Narratives heran. Der Titel dieses 28-teiligen Bandes sowie des ersten von zwei Leitartikeln ist ein idiomatischer Versuch, diese folgenschwere, Wilson kompromittierende sowie antieuropäische Schwerpunktverschiebung wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Mit dieser illustrierten Veröffentlichung wird das erste Lustrum der Aufa100 feierlich markiert. Am historischen Datum des 19. März 2020 wurde diese transnationale Kommission für Aufarbeitung und Erinnerungskultur ab 1914 vom niederländischen Historiker Peter de Bourgraaf in Berlin und Amsterdam gegründet. Durch die Orientierung an hundertsten Jahrestagen wirft das interdisziplinäre Forscherteam Licht auf eine besondere Amnesie sowohl in der Geschichtsschreibung als auch in den unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Die Brisanz zeigt sich auch darin, dass die klaffende Lücke offenkundig weitreichende Auswirkungen auf das Zeitgeschehen hat. Über das letzte Jahr des Gedenkens zum Weltkrieg von 1914, wohlgemerkt 2019, unterschied sich einzig eine Trägerschaft der Vereinigten Staaten. Sieben Monate nachdem die Staats- und Regierungschefs aus Ost und West in Paris des Zentenariums des Waffenstillstandes von 1918 gedachten, fehlten zum feierlichen Gedenken des offiziellen Kriegsendes (28. Juni 1919) durch die US-amerikanischen Gäste in Versailles nicht nur die Gastgebernation, sondern auch die anderen Europäer.
Mehr als hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mangelt es aus unserer Sicht an einer epochalen und transnational aufgebauten Erinnerungskultur. Dieser Band lässt sich daher verstehen als ein Versuch, die jeweiligen Kulturen des Nationalstaates sinnvoll zu ergänzen. Nicht selten werden jahrzehntelang imitierte Erzählmuster in Frage gestellt.
In einzelnen Beiträgen rückt die Deutung tagesaktueller Ereignisse in den Vordergrund. Seitdem der ukrainische Bürgerkrieg von 2014 acht Jahre später seitens Russlands in einen offenkundigen Stellvertreterkrieg gegen das „Brudervolk“ bzw. das jahrzehntelang antirussisch expandierende Westbündnis eskalierte, vermehrten sich die Vergleiche zum Ersten Weltkrieg und zur ersten Nachkriegszeit stark.(1) Ein förderlicher Nebeneffekt ist, dass langsam von der fast übermächtigen Fokussierung auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges abgerückt wird.
Die Struktur des Bandes, dessen Verzicht auf bestimmte Normen wegen der fortwährend angelsächsischen Prägung der Historiographie als zielführend betrachtet wird, setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Erstens werden sowohl der Anfang als auch das Ende von den mehrsprachigen Leitartikeln des Aufa100-Gründers gekennzeichnet. Eine bunt gefärbte Centenaire–Chronologie von 2021 bis 2025 bildet den zweiten Abschnitt. Ein fester Bestandteil der Methodik machten empirische Feststellungen dissonanter Sachverhalte aus. Zwei Jahre nach der Gründung gelang das Debüt sowohl in der akademischen Presse als auch in Deutschlands Medien.(2) Zum Lustrumprojekt wurden die Jahrhundertblogposts aus der Feder von insgesamt vier Mitgliedern von der Webseite heruntergenommen und von unterschiedlichen Muttersprachlern Korrektur gelesen bzw. neu bearbeitet. Die zeitversetzte, insgesamt aufwendige Bearbeitung öffnete uns einmal mehr die Augen. Es wird geplant, das vorgesehene Ende der Mission in den 2030-er Jahren mit einem ergänzenden Sammelband zu krönen.
Im einleitenden Artikel de Bourgraafs wird nebst der Bestandsaufnahme von Erinnerungskulturen zum fünften und finalen Jahr des ersten Zentenariums des Weltkriegszeitalters eine Synopsis der vergessenen Geschehnisse angeboten. 2021 wurde die deutschsprachige Originalfassung als Gründungsmanifest der Aufarbeitungsinitiative hinterlegt. Dahingegen spiegelt der abschließende Leitartikel auf Deutsch eine herausfordernde Schnittmenge von Politik- und Geschichtswissenschaften wider. In dieser Studie gegenwartsbezogener Konstruktionen der Vergangenheit kommt die Applied-History-Methodik vollends zum Tragen. Das spannende Gedankenexperiment der „Weimar-Russland“-These wird antithetisch diskutiert. Nachdem diese These aufgrund von aktuellen Ereignissen und Entwicklungen im identischen Raum, etwa siebzig Jahre nach dem Untergang der Weimarer Republik, aufgestellt wurde, wird ihre weltumspannende Wirkung auf die Gegenwart vielfach verkannt.
Fussnoten
1. Z.B. Roman Koster, Rezension zu: Teupe, Sebastian, Zeit des Geldes. Die deutsche Inflation zwischen 1914 und 1923. Frankfurt 2022, in: H-Soz-Kult, 20.09.2023. Beispiel des neutralen Lagers (Schweiz): Séveric Yersin, Rezension zu: Daniel Artho, «Schandfleck» oder «Ruhmesblatt»?. Der schweizerische Landesstreik in der Erinnerungskultur, 1918–1968, Zürich 2024, in: H-Soz-Kult, 25.02.2025.
2. Gregor Müller, Der Völkerbund – die ungeliebte Friedensorganisation, MDR, 07.07.2022. Peter de Bourgraaf und Benjamin Pfannes, Ein Nobelpreisgewinner von 1915 über England, Empire und Entente, in: Marina Ortrud M. Hertrampf (Hrsg), Frieden! Pazifistische Gedanken im Umkreis von Romain Rolland, München 2022, S. 111–133.


